3 verschiedene Diptychons

Natürliche Gewebe – Verwobene Natur


Eine Fremdbetrachtung von Adrian Lacour, Februar 2008

Nicole Scheller will Wesen und Naturen neu erschaffen. Dabei versucht sie unter die Oberfläche von Häuten zu gelangen, Blutkapillare, Schleim und Fleisch zu ergründen.  Lustvoll analysiert sie das zentrale Nervensystem und zelebriert die Schau der Innereien, Zellen, Dendriten, ... In ihren Arbeiten staunt sie über die Beschaffenheit der Bestandteile des Rautenhirns, über Brücke, Pons und Kleinhirn, über Luft-, Nerven- und Blutwege, letztendlich über alle Verflechtungen und Funktionsströme von Leib und Seele, die sie in den freien Welten ihrer Gestaltungsintentionen interpretiert. Weitere Anregungen sind die Sichten von Satelliten auf die verschlungenen Wege des Menschen, durch die Metropolen entlang der Flüsse, durch Wüsten, Steppen und Hochgebirge, in die Nervensysteme der Steuerungen allen Lebens, in den Katakomben, den unterirdischen Flusssystemen. Scheller seziert, färbt und analysiert und vergisst dabei nie die Funktionen der Körper. Sie dokumentiert durch Farbe und Form, wobei die Einfärbung als Steuerungsmodul dient. Dabei sucht sie nach Abläufen, welche die Vitalitäten ihrer Bilder zu Interpreten ihres Natur- und Bilddenkens machen, welche letztendlich die Ästhetik ihrer Deutungen von Körpersystemen und Landschaften hervorbringen. Die Künstlerin agiert nicht als Wissenschaftlerin, formuliert aber in ihren Bildern die Lust daran, den Blick unter die vermoderten Schalen von Mensch und Natur zu werfen. Vielleicht deutet sie dabei die ewigen Wandlungen. An manchen Stellen ihrer Interpretationen stehen Menschen in den Flächen und deuten im Bild die Notwendigkeit zu Verbindungen von Mensch zu Mensch, um Isolationen zu vermeiden, aus denen Trauer, Belauern und Aggressionen entstehen. In den Recherchen nach Abstraktionen, die eine Verbindung zu Nicole Scheller herstellen, muss man weit suchen. Die Verfremdung, aus dem Gegenständlichen erzeugt, finden sich bei Miró - Kompositionen aus dem Jahr 1925, beim N. Komplex  von A.L Penck 1976, bei Kandinsky – mit seiner Arbeit träumerische Improvisationen von 1913. Die Männerfigur Spekulation von 1965 von Baselitz zeigt weitgehend ähnliche Bedürfnisse zu Verflechtungen zu kommen. Die Künstlerin realisiert ihre Bildideen unter anderem durch die Überlagerung einzelner Malschichten oder transparenter Folien. Auch Bart van der Leck gelangte seit 1917 durch weiße Übermalungen mit Aussparungen zu seinen fast abstrakten Bildfindungen. Die deutlichste Nähe zur Komplexität analytisch- wissenschaftlicher Analyse ist in meinen Erinnerungen die Einfärbung von Hirnschnitt-Colorierungen, wie ich sie durch meine Mutter kennen lernte, welche diese am Hirnforschungsinstitut bei Prof. Vogt in Neustadt im Schwarzwald anfertigte. Die mit einer großen Schneidemaschine erzeugten, aufs Feinste sezierten Strukturen wurden nach wissenschaftlicher Vorgabe eingefärbt, um so beurteilt zu werden. Die künstlerischen Auseinandersetzungen mit Strukturen der Natur veranlassten Nicole Scheller auch zu plastischen Arbeiten, die Struktur und Aufbau innerer Zellwelten vermitteln. „Ich suche die Natur“, das ist Nicole Scheller.

 

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| Nicole Scheller | Rosengartenstraße 33 | 70184 Stuttgart |
| nicolescheller@t-online.de | www.malerei-nische.de | 20. April 2021 |
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